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"Angel Gabriel from Kurbinovo", 1999/2008, 

"Engel Gabriel von Kurbinovo", 1999/2008, 

 

acrylic on canvas, 30 x 30cm, 2008

Acryl auf Leinwand, 30 x 30cm, 2008

 

 

    

Series of  120paintings, acrylic on canvas, 30 x 30cm, 1999-2008

Serien von 120Bilder, je Acryl auf Leinwand, 30 x 30cm, 1999-2008

 

 

      

Series of 120 paintings, acrylic on canvas, 30 x 30cm, 1999-2008

Serien von 90 Bilder, je Acryl auf Leinwand, 30 x 30cm,1999-2008

 

 

JOVAN BALOV GABRIELISCHE ENGEL

 Eric Boerner

1999

 

In jedem Kunstwerk finden wir eine Reihe von Aufgaben, die sich der Künstler gestellt hat. Die Lösungen dieser Aufgaben werden im Kunstwerk zu einer Einheit verschmolzen und sind danach ohne zerstörerische Eingriffe nicht mehr zu isolieren. Welche Aufgaben hat sich Jovan Balov im hier abgebildeten Kunstwerk gestellt?

 

Zuerst einmal entdecken wir die Abbilder eines Engels. Dieser entstammt den Fresken in einer mazedonischen Kirche und wird von exakt arbeitenden Kunstwissenschaftlern ziemlich genau ins 12. bis 17. Jahrhundert datiert, weshalb er einerseits ein Meisterwerk mittelalterlicher Kunst darstellen, andererseits aber auch das verzopfte Geschmiere eines barocken Neobyzantinismus sein könnte. Jedenfalls steht die Kirche in Mazedonien und Jovan Balov ist Mazedonier. 

 

Eine Aufgabe lautete also: Stelle eine Reminiszenz an deine Heimat her. Als nächstes sehen wir, dass sich der Engel ziemlich oft wiederholt. Rechenkundige kommen auf 90 Abbildungen. Alle Abbildungen sind gleich groß und umfassen den gleichen Bildausschnitt. Aha! Ein serielles Kunstwerk. Warhols Marilyn auf Engel Gabriel getrimmt. Wie man das eben heute so macht. Sogar staatliche Notenbanken machen das. Denn gerade dieser Engel findet sich auch auf 50 Denar-Scheinen, die in Mazedonien im Umlauf sind. Der bereits mit Seriennummern auf Banknoten bedachte Engel wurde von Balov noch einmal serialisiert.   

Aufgabe 2: Stelle ein ironisches serielles Kunstwerk her. Die Bilder sind in verschiedenen Farben grundiert. Es finden sich Blau, Gelb, Rot, Siena und Ocker, sowie Reinweiß und ein sehr dunkles, sich dem Schwarz annäherndes Grau (schließlich muss man den Engel noch erkennen können und da wäre reines Schwarz hinderlich). Den Kenner erinnert bei den drei Grundfarben sofort an Mondrians Forderung, nur solche in Bildern zu verwenden. Das Arrangement der Farbquadrate formt sich zudem zu großen Farbflächen. Aha! Konstruktivismus.  Aufgabe 3: Stelle ein konstruktivistisches Kunstwerk her. Unter den Hintergrundfarben finden sich aber auch Altweiß und Gold, Ocker und Siena. Vor Entdeckung des weißen Riesen waren frischgewaschene Wäsche und Leinwände eben nicht gar so Titanweiß wie heute, daher Altweiß. Und Gold ist die Farbe des Himmels in der Ikonenmalerei; des richtigen Himmels natürlich, dort wo Engel und Heilige wohnen. Und welcher hergelaufene malerische Professor denkt bei Ocker und Siena nicht sofort an sein Propädeutikum in florentinischer Renaissancerei, bei dem ihm die Studenten wegpennen.  Aufgabe 4: Stelle eine Reminiszenz an altweiße Malerei und goldene Ikonen her, die für italienische Dozenten Lehrstoff bedeutet, mit denen er sienagelbe Kurse für avancierte Einschlafübungen leiten kann; denn schließlich sind wir hier im Bereich bildender, aber nicht billiger Kunst. Wer sich diese kleine Heerschar von Engel Gabriels genau ansieht, wird feststellen, dass sie von einem markanten männlich - aggressiven  Ausdruck hin zu einem verfeinerten weiblich - zarten Ausdruck changieren. Engel sind in ihrem Geschlecht schwer erfassbar, andererseits verzichtet unsere heutige Gesellschaft ja auch immer stärker auf eindeutige Rollenfestlegungen.  

Aufgabe 5: Zeige die Übergänge in der Geschlechtsspezifik. Übrigens sind die Bilder mit Hilfe des Computers entstanden. Der Engel wurde rechentechnisch verfremdet, ausgedruckt und erst dann mit Hilfe eines Bildwerfers auf die grundierte Leinwand projiziert und mit wurstigen Fingern und feiner Hand vermittels eines Pinsels aufgemalt. Ein übliches Verfahren in der Computerkunst, um der unendlichen Kopierbarkeit einer Bilddatei zu entgehen. Aufgabe 6: Stelle ein Computerkunstwerk her. Die siebente Aufgabe ergibt sich allein schon aus der Anwesenheit von Engeln in einem Raum: es ist natürlich auch eine Stellungnahme zur Gläubigkeit in der heutigen Gesellschaft. Und da wir schon dabei sind: als ausrangierter Kommunist, der nie einer gewesen ist, aber in einem solchen Staat lebte, geht es dem Maler natürlich auch um die neue Losung: Engel statt Engels. Das aber ist keine Aufgabe, sondern Politik und die ist bekanntlich politisch und nicht ästhetisch.

 

Wenn wir diese magische Häufung von Aufgaben betrachten, erhalten wir so etwas wie ein kleines Kompendium moderner Kunst: Jovan Balovs »Engel Gabriel selbneunzig« ist Ausdruck eines nationalistisch-seriellen Konstruktivismus, der computertechnisch die geschlechtliche Glaubensfrage anhand postmoderner Zitate in einen Zusammenhang setzt. Und das ganze ohne Engels, wohlgemerkt, der solchen Jargon viel besser beherrschte! Dieses Kunstwerk ist eine eierlegende Wollmilchsau der Ästhetik, eine Casio-Taschenorgel, die gleichzeitig Rechner, Weckuhr und ein praktischer Rückenkratzer ist.

 

Und überraschenderweise finden sich alle diese heterogenen Elemente fast natürlich zusammen, fast so, als müsse das so sein. Jede als Aufgabenstellung vorkommende Kunstrichtung könnte dieses Werk für sich vereinnahmen, allerdings auf die Gefahr hin, dass die restlichen sechs Aufgaben heimlich ein ironisches Lachkonzert veranstalten. Durch die völlige Vereinnahmung von vielen heiligen Ziegelsteinen der modernen Kunst ist es Jovan Balov gelungen, eine Zwingburg des Ästhetischen zu errichten, die der von allen Seiten bestürmten Festung gleicht, in der ein Künstler sich heute befindet: niemandem kann er es recht machen, Ästhetiker, Politiker, Theoretiker und andere Normalos erheben Ansprüche oder Bemängeln das Fehlen ihrer momentanen Lieblingsrichtung. Folgt er den künstlerischen Moden und Anspruchshaltungen, ist der Künstler morgen schon überholt, distanziert er sich, interessiert es sowieso keinen.

 

Ich weiß nicht, ob es sich bei diesem Kunstwerk um ein Meisterwerk handelt. Das kann nur die Kunstgeschichte entscheiden. Dass es aber eine der derzeit besten Momentaufnahmen der modernen Kunst ist, ein Zeitbild par excellence also, dafür lege ich mein Gehirn ins Fegefeuer.