Home            Works            Texts            Biography            Contact            Links

   

   Paintings   

 

   Prints   

 

   Photo   

 

   Video  

Into

Upwards

Barbargenie

Whetstone

Final Countdown

Wonder

 The Angel

Zeit (Time)

Transcript Tito

Magna Mater

Fighting Windmills

 

 

 „The Angel“, 07:03 min. 2007

camera: Jovan Balov, sound loop 5 seconds: Kocani Orkestar, Draga Dautovski

editing: Jovan Balov

production: Prima Center Skopje/Berlin

 

 

„The Angel“, (2007 New York, Video, 7:03 Minuten) Strassengeräusche sind dem Titel des Films unterlegt, verschwommen, dann das Objektiv langsam auf Schärfe gezogen, erscheint die Mittelachse einer hochhausumsäumten Strasse in Manhattan. Vorne eine Kreuzung mit lebhaftem Autoverkehr und lesbarem Strassenschild „Central Park West“ linksseitig. Ein gelber Doppelstreifen, der die Fahrbahn mittig trennt, läuft über den grauen Asphalt auf die Kamera zu, in der Ferne verliert sich die beidseitige Strassenfront im Häusermeer. Die Autos, die auf die Kamera zufahren biegen nach rechts ab oder fahren quer zum vorderen Bildrand vorbei – viele für New York typische Yellow Cabs sind darunter. Die Kamera blendet ab ins Schwarze, es erscheinen die Zeilen eines Gedichtes „I dreamt a dream! / What can it mean? / And that I was a maiden Queen / Guarded by an Angel mild: / Witless woe was ne’er beguiled!“ von William Blake. Kinderstimmen werden lauter aus dem Off, eine Brunnenanlage im Central Park mit dem Sockel eines Monuments kommt ins Bild, in das erst schemenhaft, dann scharf eingestellt Kinder und Jugendliche – eingeblendet mit Geschrei – treten. Sie werden wieder ausgeblendet, der Sockel bleibt kurz solo im Bild, wird ausgeblendet. Schwarzbild wiederum mit weisser Schrift steht auf dem Bildschirm die Fortsetzung des Gedichtes: „And I wept both night and day, / And he wiped my tears away; / And I wept both day and night, / And hid from him my heart’s delight.“ Es wird untermalt von jazziger Musik – Trommel und gezupfter Bass. Die Brunnenanlage wird mit Kameraschwenk aufwärts eingeblendet, zeigt Figuren um eine Mittelsäule des Brunnenmonuments und wird überblendet in nach links oben fallende Hochhäuser, blauer Himmel mit leichter Bewölkung bildet eine seitliche Diagonale, mit dem Schattenriss eines Engels am oberen Bildrand – stehend. In ruhige Kamerafahrten hinein überblendet wird die Skulptur eines schreitenden Engels mit ausgebreiteten Flügeln einmontiert. Die Kamera fährt beschleunigt weiter, das Bild wird immer wieder überblendet durch die Hochhausarchitektur und den Engel, der offensichtlich auf der Spitze des Brunnenmonumentes steht. Das Umfeld des im Park stehenden Brunnens – Bäume, Sträucher, sonstige Natur - wird mit der Kamera umfahren. Hochhäuser und die Parkanlage mit Brunnen, die von der Totale zur Grossaufnahme des Engels in der Bildmitte zoomen, werden auf nah abgefilmt. Die Häuser umtanzen schliesslich zur Musik den Engel in den Überblendungen. Nach einem Zoom auf den Engel folgt wieder Schwarzbild mit weissen Lettern: „So he took his wings, and fled; / Then the morn blushed rosy red. / I dried my tears, and armed my fears / With ten thousand shields and spears.“

 

Die Musik wechselt vom balkanischen Jazz in ruhige Trommelrhythmen, Loops mit Scratchings in Bild und Ton. Im Bild erscheint die Brunnenanlage mit Kindern und Jovan Balov tritt von rechts leicht stolpernd eiligen Schrittes ins Bild und umschreitet den Brunnen. Das Bild ist mittig nun geteilt/gesplittet, nahezu unsichtbar montiert. Durch die Montage hindurch verschwindet Balov immer wieder mittig im Brunnen, oder kommt dort hervor, mehrfach ist er sogar doppelt zu sehen, wie der den Brunnen umkreist. Auch Kinder verschwinden, tauchen wieder auf, laufen gar rückwärts. Schliesslich läuft Balov auf die Kamera zu links aus dem Bild, welches ausgeblendet wird und wiederum folgt Schwarzbild mit Text: „Soon my Angel came again; / I was armed, he came in vain; / For the time of youth was fled, / And grey hairs were on my head.“

 

Die Musik wechselt in hektische, mit Verzögerungen gesetzte Rhythmen, die Kamera umtanzt den eingeblendeten Engel, so als ob der Engel sich im Tanze drehte. Die Bildgeschwindigkeit wird erhöht, die Tonloops bleiben gleich. Die Farbe des Himmels um den Engel wechselt von Blau in fahles Gelb. Das Bild wird ausgeblendet und im Abspann, wiederum als Schwarzbild, erscheint der Titel des Gedichtes „The Angel“ from „Songs of Experience“ by William Blake 1757 – 1827, bevor die Credits eingeblendet werden zum Abschluss des Films. Das Gedicht und der Werktitel sind Programm des Videofilms von Balov. Engel gehören zum Themenkanon des Künstlers, hier im Film geht er mit ihnen förmlich um, er umkreist sie mit der Kamera, durch die Bildmontage, u.a. mit dem Trick des gesplitteten Bildes, durch das er in das Monument verschwinden und aus ihm heraus erscheinen kann. Engel und Musik gehören zu den Themen des Malers und Dichters Blake elementar. Erinnerungen an den Film „Himmel über Berlin“ von Wim Wenders kommen auf. Aber kein Engel schwebt über der Stadt, Balov und der Engel in New York bleiben auf dem Sockel bzw. auf dem Boden. Die Bildmontage von Jovan Balovs Film scheint sich an den russischen Filmemachern, hier insbesondere an Wsewolod Pudowkin zu orientieren, der mit seiner „erzählenden Montage“ ähnlich wie bei den frühen Amerikanern Edwin S. Porter und David Wark Griffith, die freilich Anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts noch keinen Ton zur Verfügung hatten, somit den Rhythmus ohne Musik montieren mussten.

 

Rolf Külz-Mackenzie

Berlin im Juni 2007